ICH BIN UMGEZOGEN!

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North Street Record Store

Wenn man mit Amerikanern „einen Kaffee trinken geht“, muss man sich ganz schnell daran gewöhnen, dass man eigentlich keinen wirklichen Kaffee trinken geht. Amerikaner gehen „Iced-Decaf-Mocha-Banana-Frappuccinos with 2% Milk, Sugar and whipped Cream“ trinken. Mindestens. Darunter geht nicht. Kein Wunder also, dass meine Standardbestellung „A cup of coffee with regular milk, please“ verwunderte Blicke der Kellnerinnen hervorruft. Gleich am ersten Tag habe ich mich direkt in die Nesseln gesetzt. Ich war in einem Cafe im Bone Student Center, einem großen Studentenzentrum mit Subway, Burger King, Pizza Hut usw., und bestellte normalen Kaffee.

„That`s our coffee!“

Ich bekam einen Becher mit dem ich zu einer Zapfstation gehen sollte. Als ich, nachdem ich bereits den halben Becher mit Kaffee gefüllt hatte, immer noch den Boden des Styroporbehältnisses sehen konnte, ging ich zurück zur Kassiererin und meldete mit deutschem Verantwortungsbewusstsein, dass etwas mit dem Kaffee nicht in ordnung sei. Das ist in Amerika kein Kavaliersdelikt, wenn sich ein Kunde beschwert. Die Kellnerin fing an zu schwitzen und konnte sich nicht erklären, was ich meinte, rief also ihre Chefin. Die sah sich den Kaffee an, zapfte noch einen aus einer anderen Kanne und zeigte mir beide. Ich konnte in beiden Bechern den Boden erkennen. „That`s our coffee!“

Seitdem trinke ich auch nur noch „Iced-Decaf-Mocha-Frappuccinos“ oder was anderes, was wenigstens aus vier Wörtern besteht. Da weiß man zwar nicht genau was drin ist, aber ich weiß auch nicht, ob es in Deutschland besser schmecken würde…

Nach einem solchen Kaffeetreffen mit zwei Leuten aus meiner Creative Writing Klasse schlenderte ich am Samstag Nachmittag durch Uptown Normal…

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Am Morgen war Hurricane „Ike“ in Bloomington angekommen. Er legte sich wie ein Film über die Stadt und trieb die Luftfeuchtigkeit auf unmenschliche einhundert Prozent. Als ich am Nachmittag die Straßen von Uptown Normal ablief, hatte ich bereits zwei Duschen und – die moderne Technik macht es dank aberwitziger Klimaanlagentechnologie möglich – drei klimatische Zonen hinter mir gelassen. Trotzdem klebte mein dunkelblaues Hollister-Hemd an mir, wie ein nasses Stück Papier an einer Windschutzscheibe. Schweiß rann mir von der Stirn und lief mir in die Augen, die daraufhin rot anliefen und brannten. Ich war auf dem Weg zum „Babbitts Book Store“, dem einzigen Laden für gebrauchte Bücher in der Gegend, als ich kurz nach Normals Schwarz-Weiß-Kino, in dem ständig sechzigerjahre Streifen gezeigt werden, einige ranzige Kartonkisten auf dem Gehweg stehen sah.

Vollgestopft mit alten Schallplattencovern, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatten und nun für einen Dollar zum Verkauf angeboten wurden standen sie willkürlich aufgereiht vor einer großen Fensterfront mit der Aufschrift „NORTH STREET RECORD STORE“. Als ich die schwere Glastür geöffnet hatte und mit einem Klingeln eingetreten war, begrüßte mich ein kleiner Mann von hobbitähnlichem Körperbau hinter der Kasse:

„Heyhowyadoin, man?“

Während er mich begrüßte, schob er mit seinem rechten Zeigefinger eine zierliche Lesebrille seinen Nasenrücken hinauf, musterte mich daraufhin für einen kurzen Moment, fuhr dann jedoch umgehend fort, an der Kasse herumzuschrauben und beachtete mich nicht weiter. Zu meiner Rechten waren einige Tapeziertische mit CD-Kästen an der Wand aufgereiht, die tapeziert war mit unterschiedlichen Filmpostern, Albumcovern und Künstleradvertisements. Etwas weiter im hinteren Teil des nicht gerade großen Ladens erkannte ich die Vinylabteilung, ließ den Kassierer hinter mir zurück und schlenderte die Decken und Wände studierend über die Ladenfläche. Durch die vielen, oft schwarz gehaltenen Plakate und Aufkleber wirkten die Räume kleiner als sie waren, eine Klimaanlage gab es nicht die Luft stand im Raum, die Feuchtigkeit die auf den Straßen herrschte, rief sich angenehm in mein Kurzzeitgedächtnis zurück, als sie diesem unidentifizierbaren Muff weichen musste. Mit anderen Worten: Ich war mir sicher eine richtige Schatzgrube gefunden zu haben.

Hinzu kam, dass vogelwild Kartons auf dem Boden verteilt waren, vor die ich ein oder zwei Mal trat. In der Mitte gab es einen weiteren Tapeziertisch, der von Kartons mit der Aufschrift „Rock Classics“ bedeckt war. Da ich immernoch den Wandschmuck studierte, fiel mir zuerst nicht auf, das jemand unter dem Tapeziertisch lag und nach irgendetwas kramte. Erst als ich fasst über seine Beine stolperte, brummte er ebenfalls ein „Heyhowyadoin, man?“ in seinen Bart und kroch unter dem Tisch hervor. Er hatte eine viel tiefere Stimme, als der Kassierer, die rollend Klang, wie das Geräusch einer vollbeladenen Schubkarre auf Kopfsteinpflaster.

Eine Mischung aus Cheech Marin und Woody Allen

Ein stark belaibter man stand nun vor mir, das verblichene Johnny Cash T-Shirt zumindest größtenteils in die ausgeleiherte und auf halb fünf sitzende Wrangler gestopft, und grummelte weiter : „Any Help?“ So weit aufgerichtet, wie es bei seinem Körper möglich war, reichte er mir etwa bis zur Schulter. Er erinnerte mich an eine Mischung aus Cheech Marin, dem Mexikaner mit dem Schnauzbart, der auch in einigen Tarantino Filmen mitgespielt hat und Woody Allen – das lag jedoch nur am lichten Haar und der Hornbrille, die seine kugelige Nase einquetschte. „Any 60s Soul?“, presste ich mit gekünstelt amerikanischem Akzent heraus. „Right on that wall my friend“, er führte mich zu fünf großen Kisten am anderen Ende des Raumes. Darüber an der Wand hingen abwechselnd Johnny Cash, Bob Dylan und Joni Mitchel Poster, nur das Filmplakat von „Reservoir Dogs“ wollte nicht so recht in diese Reihe gehören.

Er verschwand wieder unter seinem Tapeziertisch und ließ ließ mir Zeit beim durchsuchen der Kisten. Ein Otis Redding Album legte ich mir direkt zur Seite, ebenso ein sehr altes Album von Lou Rawls, der einen meiner All-Time-Favourite Songs gesungen hat:

Wie er die zweite Zeile „For every single thrill, there`s another Heartache“ singt – allein diese Stelle könnte ich mir bis zum erbrechen auf Repeat anhören. Nach den Sam Cooke Platten, auf die ich eigentlich aus war, suchte ich allerdings vergeblich, weshalb ich den Plattenkönig wieder unter seinem Taperziertisch hervorkriechen ließ: „Sorry, do you have any Sam Cooke Records?“ Er richtete sich erneut auf, schob mit seinem rechten Unterarm einige Schweißtropfen von seinem Gesicht in seine Haare, zog den vorderen Teil seines T-Shirts aus der Hose und begann seine Brillengläser damit zu polieren. Mit verkniffenen Augen antwortete er: „Been some time since someone asked me bout Sam Cooke, boy“, er hauchte auf eines der Brillengläser, „did you look under ‚C‘?“ – „Yes, I did. Nothing.“

Er kramte mir letztendlich noch eine Lou Rawls Platte heraus und packte mir meine Auswahl zu einem hübschen Bündel zusammen. Als ich auf die Frage, wie ich zu Sam Cooke gekommen sei, die erste Szene aus dem Film Ali beschrieb, und wie ich sie immer zurück gespult habe, nur um die Musik noch einmal zu hören, traf ich dann erstmals auf Unverständnis.

Ich kann nicht einschätzen, ob er den Film nicht kannte, oder ob das ein zu populärer Weg für ihn war, auf Musik aufmerksam zu werden. Ich war also in der Pflicht, meinen Musikgeschmack wieder zu rehabilitieren, also zeigte ich großkotzig auf sein „Johnny Cash“ T-Shirt und erzählte ihm von einigen Cash-Abenden, die ich mit einem Freund hatte, dass ich Bob Dylan jedoch genauso mögen würde. Damit hatte ich Eddy dann im Sack, wie er sich mir nun vorstellte. „Weißt du dass die beiden Kumpels waren, sogar was zusammen aufgenommen haben?“ – Wusste ich nicht – Damit hatte Eddy mich dann im Sack. Er verschwand mit einem Mal aufgeregt hinter der Kasse, wo er in einer kleinen Abstellkammer kramte und mit einem verlodderten Ipod in der Hand zurückkam, den er an der Anlage des Ladens anschloss und ein Duett von Dylan und Cash spielte.

Ich blieb noch über eine Stunde und kann jetzt einige Cash- und Dylan-Anekdoten mit nach Deutschland bringen. Im Babbitts Book Store war es dann so uninteressant, wie es im Record Store spannend war. Die Auswahl war zwar gut, die Preise jedoch gesalzen. Einzig eine Faksimile Edition der Erstausgabe von John Updikes „Rabbit, Run“ hatte es mir angetan, die ich mir für vier Dollar einpacken ließ.

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Das habe ich dann heute in einem Zug durchgelesen, während im Hintergrund gefühlte 238 Mal „Love is a hurtin thing“ lief. Es regnete den ganzen Tag, etwas besseres fiel mir einfach nicht ein. Und jetzt werde ich es noch einmal hören, bevor ich mich um 1:34 AM ins Bett legen werde.

Drive von Nicolas Winding Refn

Das gute an einer affektiven Störung sind die Ungewöhnlichen Drangphasen. Ungewöhnlich vor allem wegen der Uhrzeit, an der sie ausbrechen. So schläft man gerne unter der Woche um 17:30 Uhr bittermüde ein, um um 1:30 Uhr grausam wach das Licht wieder anzuknipsen. Diese Nächte der Einsam- und Schlaflosigkeit dienen sich hervorragend zur Entdeckung unbekannter Film- und Buchuniversen, zuletzt die Bücher von John Fante und in der vergangenen Woche der Film Drive, der am 26.1.12 in die deutschen Kinos kommt. Bei Ryan Gosling ist es ja immer so eine Sache. Hit or Miss könnte man sagen. Aber wenn er sich nicht entspannten Chick Flicks widmet, haut er auch gerne mal richtige Filmknaller raus (Half Nelson ist ein älteres Beispiel).

Drive gehört ebenfalls zu diesen Filmen, die einen ganz unerwartet begeistern und in meinem Fall durch eine schlaflose Nacht tragen. Es ist der erste in Hollywood gedrehte Film des Dänen Nicolas Winding Refn, der dafür in Cannes einen Preis als bester Regisseur bekam. Viele, die ihn für seine europäischen Filme hochgelobt hatten, befürchteten bei Drive, dass sich Winding Refn an die Konventionen und Zwänge des Hollywood Kinos halten und so seinen ganz eigenen Charme verlieren würde. Dem war nicht so und der als Neo-Noir kategorisierte Film ist bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg.

Doch worum geht es bei Drive? Ein stets „Driver“ genannter Automechaniker und Stuntman, gespielt von Gosling, verdient sich etwas dazu, indem er Nachts als Fluchtwagenfahrer bei Raubüberfällen agiert. Die Regeln für seine Klienten sind klar, der Driver drückt sich auch nicht umständlich aus. Generell verliert die Hauptfigur keinen Satz zu viel, Gosling macht das wirklich gut, mit einer angenehm nüchternen Zurückhaltung. Bei einem seiner Coups, in den ihn eine enge Verbindung mit seiner Nachbarin (Carey Mulligan) verwickelt hat, geht etwas schief und seine gesamte Welt verzerrt. Die äußeren Umstände treiben auch ihn zum Äußersten und alte Verbindungen werden ihm zum Verhängnis.

Obwohl der Film extrem spannend ist, sollte man keinen Action-Film erwarten. Viele der Zuschauer, die dem Film weniger gute Bewertungen geben, waren von Auto-Action a la Fast and the Furious ausgegangen und wurden leider enttäuscht.

Denn so platt die Story auch klingen mag, schafft der Regisseur es, ein kleines Kunstwerk aus diesem Film zu machen,

was nicht zuletzt an wunderschönen Nachtfahrten und Motiven liegt. Ganz besonders muss man hier auch die Wahl des Soundtracks hervorheben, der der düstere Stimmung ihre passende bittersüße 80er Melancholie verleiht. Wer also plant, im Januar ins Kino zu gehen, sollte auch Drive auf dem Zettel haben. Keine leichte Kost, vor allem nichts für Zartbesaitete. Aber definitiv eine Empfehlung von mir!

Zitat

Ich frage mich, ob die Erinnerungen für uns Menschen nicht der Kraftstoff sind, von dem wir leben? Ob diese Erinnerungen wirklich wichtig sind oder nicht, ist für das Weiterleben nicht von Bedeutung. Sie sind nur Brennstoff.

Haruki Murakami.